Persönlich

Eindrücke, Begegnungen und Bewegendes
Myanmar
 
Eine staubige Hochebene irgendwo in Zentralbirma. Die Mittagssonne brennt.

Ich teile mir den klapprigen Kleinlaster mit 25 geduldigen, freundlichen Menschen, die sich im, am oder auf dem Auto befinden. Das raue Leben hier hat in einigen Gesichtern seine Spuren hinterlassen. Und dennoch sehe ich genau in diesen Gesichtern  Zufriedenheit und Dankbarkeit. Die Blicke, die mir, der Fremden, gelten, sind herzlich und neugierig. Es gibt kaum Platz  zwischen all den Menschen, den Reissäcken, den großen und kleinen Gepäckstücken und den geflochtenen Körben, aus denen Unbekanntes hervorlugt. Dinge, für die ich keine Namen habe. Noch nie gesehene Früchte,  fremde Gemüsesorten, merkwürdig geformte Gegenstände aus Metall. Alles Dinge, die ich nicht benennen kann. Wir fahren so langsam, dass man fast nebenher laufen kann und ich frage mich, was bequemer ist: In der brennenden Mittagssonne mit dem Rucksack auf dem Rücken  zu laufen, oder mit der Eisenstange im gekrümmten Rücken auf engstem Raum zu sitzen und mich kräftig durchschütteln zu lassen.

Nach zwei Stunden anstrengender Fahrt über einspurige Wege, deren dunkelroter Staub sich bereits auf Kleidung und Lunge ausgebreitet hat,  machen wir Rast in einer Teestube. Es gibt keine Regel, wo und wie lange angehalten wird. Man trinkt seinen Tee und isst eine Kleinigkeit und irgendwann geht es weiter.

Das Ziel, die kleine Stadt in der Nähe des Inle- Sees, ist noch lange nicht in Sicht. Wir fahren weiter. Ich bewundere all diese Menschen, für die es nichts Selbstverständlicheres zu geben scheint, als mit einer Engelsgeduld und ohne Zeitdruck auf dem Weg zu sein. Stundenlang. Da: Ein Lächeln einer Burmesin. Ein Lächeln, das der Fremden gilt. Mir. Eine andere Frau schaut mich mit neugierigen, freundlichen Augen an und ihre gebräunte Hand reicht mir eine Orange. Ohne Worte freuen wir uns miteinander, lachen uns an und für einen Moment ist die ganze Anstrengung vergessen. Diese Momente sind es, die mir ewig in Erinnerung bleiben werden. Der Austausch von kleinen Gesten,  rührende Begegnungen oder Unerwartetes.

Es sind auch die Dinge, die ich zu Hause oft vermisse. Es ist erstaunlich, auf wie viele Gegensätze ich hier gestoßen bin.  In diesem Land habe ich Feldarbeiter gesehen, die zu viert einen Pflug gezogen haben und Männer und Frauen, die in der Mittagssonne sperrige Felsbrocken zuerst in kleinere Brocken geschlagen, und dann mühevoll zu  Schotter  verarbeitet haben. Schotter für den Bau eines kleinen Straßenabschnittes. Es ist schon abenteuerlich, auf  den nicht geteerten, einspurigen Serpentinen unterwegs zu sein, rechts gesäumt sind von hervorstehenden Felsformationen, links von Abgründen. Und dennoch geht es immer weiter, mit der Zeit wächst das Vertrauen.

Im selben Land fliegen täglich Flugzeuge, werden am Straßenrand Flachbildschirme verkauft. Doch die Regierung passt auf, dass sich der Informationsfluss in Grenzen hält. Die Angst vor der Regierung spürt man deutlich und vielleicht ist sie es auch, die die Gesichter  vieler Menschen gezeichnet hat. Das Wort government wird leiser gesprochen, und bevor es über die Lippen kommt, dreht man sich lieber noch einmal um. Viel erfährt man nicht, aber es ist beklemmend, wenn man miterlebt, wie die Pick-Ups am Straßenrand rechts ran fahren, sobald sich ein Regierungsfahrzeug von hinten oder von vorne nähert. Erst wenn es vorbei gefahren ist, wird der Motor wieder angeworfen. Die Stille bis dahin ist geprägt von Ungewissheit und Angst. Angst vor erneuter Willkür vonseiten des Militärs, z.B. durch grundlose Schließungen und Verstaatlichung von Hotels, nächtlichen Kontrollanrufen bei deren Besitzern oder Zwangsumsiedlungen. 1988 verloren viele Menschen ihr Erspartes, weil der von der Glückszahl Neun besessene General Ne Win über Nacht alle 25, 35, und 75 - Kyat Banknoten für wertlos erklärte- immerhin 4/5 des im Umlauf befindlichen Geldes- und stattdessen 45- und 90-Kyat- Noten einführte. Dass ein Burmese sein Land verlässt, ist nicht sehr wahrscheinlich. Es sei denn, er spart sein Leben lang, um sich Reispass und Visum, sowie den Flug leisten zu können. Bei einem  Monatseinkommen  beispielsweise eines Lehrers von 10 €  würden allein 60 Monatslöhne nur in die Beschaffung von Pass und Visum gehen…

Ich bin tief beeindruckt,  wie viel Hoffnung neben dieser Angst existiert. Es lässt sich nicht in Worte fassen, welch rührende Momente es gab in manchen Unterhaltungen mit den Einheimischen: Das Interesse an dem, wie und wo wir leben, ist brennend und ehrlich. Einer wollte sogar etwas über das deutsche Steuersystem wissen, vor allem aber, über das, was wir denken und wie wir fühlen. Man ist nicht sehr lange allein, bis sich jemand dazu setzt. Entweder, um zu fragen, zu erzählen oder beides. Das, was ich erlebt habe, war geprägt von Gastfreundschaft und wirklichem Interesse an der Person und nicht an der Funktion.

Der Kanufahrer, mit dem wir auf abgelegenen Flussarmen unterwegs sind, lädt uns hinterher zu sich nach Hause ein. Die Hütte ist aus Bambus, es gibt kein elektrisches Licht, dafür aber Kerzen, duftender Tee und Gebäck. Irgendwann sitzen immer mehr Familienmitglieder mit am Tisch, einige sprechen Englisch, wir bringen uns gegenseitig ein paar Worte in Burmesisch und Deutsch bei, lachen und freuen uns miteinander, später gehen wir auseinander, ein bisschen Wehmut schwingt mit; immer bei den Begegnungen, bei denen man sich relativ sicher sein kann, dass man sich nie wieder trifft.

Myanmar ist trotz der immer wieder zu findenden traditionell- ursprünglichen Häuser, der unberührten Landschaft und der einfachen Gegebenheiten ein Land, das im Aufbruch ist. Ein Land, in das seit einigen Jahren auch Touristen einreisen dürfen. Zwar gibt es immer noch Sperrgebiete, in die man normalerweise nicht kommt, aber die Anzahl der Menschen, die dieses Land bereisen, steigt stetig. Man kann nur hoffen, dass die Touristen- hierbei spreche ich weniger  von Backpackern, als von organisierten Reisegruppen in klimatisierten Bussen und 5 Sterne Hotels, in denen Burmesen für  wenige Cent hart arbeiten- den nötigen Respekt mitbringen. Einige der unzähligen Pagoden sind bereits für Touristen geschlossen. Myanmar gehört zweifellos zu den Plätzen, wo man -trotz der schwierigen politischen Lage und den rauhen Lebensbedingungen- auf Ursprünglichkeit, ja teilweise Unberührtheit stößt, vor allem aber auf Vertrauen und Offenheit. Und Schönheit. Ich habe aufgehört, die goldenen Stupas und Pagoden aus weißem und rotem Ziegelstein zu zählen. Sie wachsen an manchen Stellen wie Bäume. Die Gegend um Bagan, in der wir mit dem Fahrrad unterwegs gewesen sind, zählt 2230 architektonische Bauwerke, darunter 911 Tempel, 524 Stupas, 415 Klosteranlagen und 31 andere Gebäude wie Schreine oder Bibliotheken.  Sprachlos steht man vor diesen Monumenten, sprachlos beobachtet man hier die schönsten Sonnenuntergänge inmitten der Pagoden, umgeben von Akazien und Tamarinde. Spätestens hier kommt man wieder einmal auf den Boden zurück. Einfach nur da sein, weit weg von verstopften Straßen,  der Lärmkulisse der Großstadt, der Hektik und der Anonymität.
 
Das Wiedereingewöhnen hat eine Weile gedauert. Aber schließlich bin ich weggefahren, um wiederzukommen. Mit neuen Eindrücken, Bildern, Emotionen, Wissen und Inspiration.

...demnächst:
Nepal- Rückzug in die Welt der Stille