Interview

 

Die Pianistin Nadine Schuster im Gespräch mit Florian Hauser

"Mut zur Neugierde"


Gerhard Oppitz hat einmal gesagt, von 1000 Pianisten schaffe nur ein einziger den Sprung auf die internationalen Konzertpodien. Sie sind gerade dabei, diesen Sprung zu tun: Woher nehmen Sie die Kraft, den Mut? Es gehört ja einiger Mut dazu.

 

Diese Aussage zwingt einen, sich entweder in den Vergleich zu stellen oder sich auf die eigenen Fähigkeiten zu konzentrieren. Die Entwicklung der eigenen Stärken schafft Vertrauen, in dem herausfordernden Umfeld zu bestehen. Gerade dieses Vertrauen setzt in mir Energien frei, die sonst durch Ängste oder Zweifel gebunden wären.

 

Energien, die Sie dazu bringen, als Solistin vor Hunderten von Zuhörern zu sitzen und vor einer doch anonymen Masse Ihr Innerstes nach außen zu kehren. Können Sie sagen, was Sie antreibt, das zu tun? Musikerin zu sein?

 

Es ist eine Leidenschaft, eine innere Kraft, die mich dazu bewegt, mein Innerstes nach außen zu tragen. Es ist etwas von mir, was ich gerne teilen, mitteilen möchte. Das Podium bietet ein großes Potential, dem Zuhörer etwas sehr Persönliches zu schenken, Freude zu erzeugen, zu rühren, Emotionen anzusprechen, Bilder und Gedanken in Bewegung zu setzen, zu eigenem kreativem Schaffen anzuregen und sich einen Moment lang aus den Grenzen des Alltages hinaustragen zu lassen.

 

Was bedeutet Ihnen Musik?

 

Sehr viel. Musik ist Bewegung, ist kondensiertes Leben, ist Energie. Musik hat für mich zwei Aspekte. Da ist zum einen der musikalische Inhalt an sich, also Interpretation, Analyse und das Umsetzen in Klangvorstellungen, Stimmungen und Bilder. Zum anderen ist Musik ein Vehikel zur persönlichen, geistigen Entwicklung. Die intensive Auseinandersetzung mit Musik - beim Üben, im Konzert - ist immer auch eine Auseinandersetzung mit teilweise extremen und unbekannten Situationen. Ich stoße immer wieder auf Neues, auf neue Umgebungen, Konzertsäle, Instrumente, Zuhörer. Und muss mich einlassen und mich vertraut machen mit diesem Unbekannten - was manchmal schwer fällt, aber auch eine enorme Bereicherung darstellt.

 

Sie sind sehr neugierig?

 

Ich bin von Natur aus äußerst neugierig. Und bereit, ins kalte Wasser zu springen und zu sehen, was da noch verborgen ist und darauf wartet, entdeckt zu werden. Die Inspiration, die Bilder, die ich habe, ziehe ich größtenteils aus Menschen, aus Gesprächen. Zum zweiten aus Momenten, die ich mit diesen Menschen teile. Und dann kommen Konzerte, Theater oder Erlebnisse überhaupt - das kann auch einmal Segeln an einem einsamen Ort sein.

 

Sie spielen Kammermusik, Sie spielen mit Orchester.....

 

Sehr gerne mit Orchester. Das ist das Nonplusultra. In der Kommunikation zwischen dem Orchester und mir als Solistin liegt eine unglaubliche Kraft. Ich bin mir der Vergänglichkeit des Momentes und der Klänge in solchen Konzerten besonders bewusst und genieße die daraus entstehende Intensität sehr.

 

...und- um ein Zitat aus Ihrem Pressespiegel zu bringen- „die Zügel in der Hand zu haben“.

 

(lacht) Durchaus. Führen hat durchaus seinen Reiz, wenn man unter Führung versteht, beim Zuhörer Fähigkeiten und Möglichkeiten aufzudecken, zu aktivieren und kreative Prozesse in Gang zu setzen. Durch die Präsentation von Musik habe ich die Möglichkeit, den Erkenntnisprozess des Zuhörers mitzugestalten.

 

Ein Schwerpunkt liegt derzeit auf der Kammermusik und der Sololiteratur? Welcher Art Sololiteratur?

 

Das ist weit gespannt, von Scarlatti und bis Takemitsu. Eine Zeit lang habe ich sehr viel Chopin, Liszt und Prokofjew gespielt. Die Art von Sololiteratur genau zu definieren, fällt mir schwer. Schön finde ich es, mich mit unterschiedlichen Stilen und Charakteren vertraut zu machen. Ein Glück, dass das Entdecken nie aufhört! Und jetzt entdecke ich - auch durch die Arbeit mit meinem Bratschisten Nils Mönkemeyer - mehr und mehr die Kammermusik.

 

Was ist für Sie das Besondere bei der Kammermusik? Ist es auch hier die Kommunikation, der Austausch mit anderen Menschen, der Sie antreibt?

 

Ganz bestimmt. Ich war es gewohnt, jahrelang allein zu üben und auch selbständig Stücke zu erarbeiten. Die Kammermusik hat mir einen vollkommen neuen Raum der Kommunikation geöffnet. Der rege Austausch und das gemeinsamen Auseinandersetzen mit verschiedenen Interpretationsansätzen sind bereichernd. Sie fordern Respekt und die Gleichberechtigung von Standpunkten und fördern Vertrauen, am besten spürbar im Konzert. Ingesamt ist es für mich ein Entdecken neuer Räume und Möglichkeiten.

 

Ist diese Offenheit für neue Formen, neue Räume, auch in übertragenem Sinn zu verstehen? Sie sind eine Künstlerin, die sich viele Gedanken macht über neue Präsentationsformen.

 

Von der Präsentation ausgehend möchte ich hier vor allem den Aspekt der Kommunikation herausgreifen. Kommunikation fordert Offenheit gegenüber neuen Formen, Offenheit gegenüber anderen Disziplinen, Offenheit sich selbst gegenüber. Dazu braucht es auch ein bißchen Mut. Und als Katalysator für diesen Mut steht für mich die persönliche Begeisterung.

 

Sie haben einmal gesagt, der klassische Konzertbetrieb komme Ihnen vor wie ein lange nicht gelüfteter Raum. Was meinen Sie damit?

 

In beinahe jedem Lebensbereich sind wir Veränderungsprozessen unterworfen, bewusst und unbewusst, aber der klassische Konzertbetrieb scheint seinem Namen auch nach über hundert Jahren noch gerecht werden zu wollen: klassisch, konventionell, traditionell. In seiner Form und in seiner Umsetzung hat dieser Konzertbetrieb kaum eine Innovation erfahren. Es gibt immer noch die klassischen Symphoniekonzerte mit hie und da einem Stück, das etwas aus der Reihe fällt. Ein Klavierabend kann mehr sein kann als das Übliche: Wenn z. B. die Leute nicht mehr nur wegen des Repertoires oder des Künstlernamens ins Konzert gehen, sondern auch, weil es auf eine besondere Art umgesetzt oder mit anderen Disziplinen verbunden ist. Das Konzert muss und darf nicht aufgegeben werden, aber dieser Raum kann einen neuen Anstrich vertragen, Fenster, durch die Licht scheinen kann, Türen, die andere Räume öffnen.

 

Warum besucht man ein Konzert bzw. warum hat man es bisher besucht? Nur um sich dem Genuss des Musikkonsums hinzugeben?

 

Und um einen Moment lang berührt weggetragen zu werden? Natürlich. Aber es geht doch auch darum, Musik immer wieder neu zu sehen und sie sich "vertraut" zu machen. Es findet beim Zuhörer ein Erkenntnisprozess statt. Ein Erkenntnisprozess durch eine für ihn zugängliche Gestaltung.

 

Einem jovial-frivolen Eventcharakter reden Sie aber hier nicht das Wort, oder?

 

O nein, ganz und gar nicht. Es geht nicht um Trivialität und eigentlich auch nicht um die Form, sondern den Inhalt. Eine schöne Hülle mit nichts drin lockt wohl nur kurzfristig in den Konzertsaal. Wir müssen uns, wenn wir in Zukunft nicht vor leeren Reihen spielen wollen, den klassischen Konzertbetrieb aus dem biedermeierlichen Andachtsschrein befreien und hierzu neue Konzepte entwickeln, die dem Zuhörer neue Räume eröffnen.

 

Und um das zu schaffen ...

 

... müssen wir uns selbst befreien und von Konventionen und Eingefahrenheiten lösen.

 

Wie könnte eine solche attraktivere Gestaltung aussehen?

 

Dass beispielsweise moderiert wird und die Zuhörer an das herangeführt werden, was da auf der Bühne passiert. Weise. Ich arbeite zur Zeit u.a. an einem Programm mit dem Titel "Tanz durch die Jahrhunderte". Eine Bach- Partita, Schumanns Faschingsschwank, verschiedene südamerikamerikanische Tänze, Ravels „Valses Nobles et Sentimentales“ und Chopin-Walzer. Das Ganze ist mit Moderationen versehen, mit Querverweisen zwischen den Stücken, mit musikgeschichtlichen Hintergründen, warum nicht auch mit vorgelesenen Briefzitaten aus der jeweiligen Zeit. So nimmt der Zuhörer nicht nur trockenes Wissen mit nach Hause, sondern wird direkt emotional angesprochen. „Aha, das hat Schumann für seine Liebste komponiert, in Hingabe und Verehrung...“So wird Historie zur individuellen Erfahrung und Erkenntnis. Was meinen Sie, wie das lebendig wird!

 

Könnte man sagen, dass Sie ein solches Konzept aus einer doppelten Motivation heraus entwickeln? Aus Ihrem Entdeckungsdrang, Ihrer Freude, das neu Entdeckte weiterzugeben und es geradezu weitergeben zu müssen, und andererseits aus dem nicht minder dringenden Wunsch heraus, einem langsamen Aussterben des Publikums vorzubeugen?

 

Richtig. Es ist mir ein besonderes Anliegen, gerade jüngere Leute für klassische Musik zu begeistern. Es kann ja nicht sein, dass ein Jugendlicher - im schlimmsten Fall - Tschaikowskys 1. Klavierkonzert für einen Werbejingle von Ehrmanns Fruchtjoghurt hält.

 

Sie selbst haben Tschaikowsky nicht als Fruchtjoghurt kennengelernt. Wie haben Sie begonnen, wie haben Sie Ihren Weg gefunden? Können Sie etwas über diesen Weg und über die Begegnungen, die Sie auf ihm gemacht haben, erzählen?

 

Mit 7 Jahren habe ich das Klavier entdeckt. Dank liebevollem Unterricht und der Unterstützung meiner Eltern habe ich mich in dieses Instrument verliebt. Mit 13 Jahren bin ich dann auf Entdeckungsreise gegangen und begann Meisterkurse zu besuchen. Ich bin auf Menschen gestoßen, die mich sehr begeistert und beeinflusst haben, sowohl menschlich als auch musikalisch. Rudolf Kehrer (lange Zeit Professor am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium) ist zum Beispiel ein großes Vorbild für mich. Wir arbeiten seit 10 Jahren regelmäßig zusammen. Er wurde verbannt und durfte 13 Jahre nicht spielen, hat aber durch Leidenschaft und Liebe zur Musik nicht aufgehört, ihr treu zu bleiben. Resultat waren über 2000 Konzerte in den Jahren nach Stalins Tod und der Wunsch, seine Begeisterung und seine Erfahrung weiterzugeben.

 

Was haben Sie von ihm gelernt?

 

Die Ehrlichkeit der Musik gegenüber, die Treue zur Musik und die Bescheidenheit, Musik nicht zur Selbstdarstellung zu missbrauchen oder sich derart zurückzunehmen, dass man keine Aussage mehr hat. Musik ist ein Sprachrohr mit großem Eigenanteil. Diese Mixtur dann an das Publikum zu geben, finde ich sehr, sehr schön. Ein prägende Figur ist mit Sicherheit auch der Estländer Arbo Valdma, den ich erst vor kurzem kennengelernt habe und der mich unglaublich beeindruckt hat: in der Art, wie er arbeitet, in seiner Menschlichkeit. Er ist für die Studenten da und er ist für die Musik da. Ich habe oft genug nur einen dieser beiden Aspekte erlebt. Bei ihm nicht. Es ist diese Menschlichkeit, diese Unbedingtheit, diese Integrität wie bei Kehrer. Mein Lehrer, Professor Vladimir Krajnew in Hannover, hat mir übrigens – paradoxerweise besonders dadurch geholfen, dass er oft nicht da war und dass er mir vieles bewusst nicht gesagt hat. Vor den Prüfungen habe ich vor ihm dreimal das Programm durchgespielt und das war`s. Dadurch aber, dass er bewusst nichts dazu gesagt, habe ich gelernt, in diesem Zeitdruck meinen eigenen Weg zu finden und authentisch zu bleiben. Das Abschlusskonzert war eines der besten Konzerte, das ich je hatte.

 

Sie saugen, so scheint es, aus jeder Situation das Bestmögliche heraus, um die Intensität jeder Begegnung, jeder Situation in jeder Hinsicht auszukosten und um in neugieriger Bewegung zu bleiben. Musik ist also Ihr Zentrum, das aus all diesen Begegnungen gespeist wird?

 

Und das wiederum meine Begegnungen speist und beeinflusst. Auf jeden Fall. Ich sehe die Musik zwar als meinen Mittelpunkt, von dem aber sternförmig meine Interessen und mein Leben überhaupt ausgehen. Einmal entdeckt, kann ich mich der Musik nicht mehr entziehen. Musik lehrt mich, mir meiner Grenzen bewusst zu werden und sie zu überschreiten, sie fördert die Ehrlichkeit mir selbst gegenüber und erfordert ein ständiges In-Bewegung-Sein. Menschen inspirieren mich, Umgebungen inspirieren mich. Ich kann mich schnell an neuen Boden unter den Füßen gewöhnen, mich wohlfühlen und mich über das neue freuen, was dort wächst. Ich bin vor längerer Zeit auf ein Neun-Punkte-Puzzle gestoßen, bei dem alle im Quadrat liegenden Punkte mit vier Linien verbunden werden müssen. Wenn Sie das Puzzle zweidimensional wahrnehmen, gibt es keine Lösung. Wenn Sie es aber dreidimensional sehen und von außerhalb ins Innere vorstoßen, d.h. von außen eine Linie miteinzubeziehen, dann finden Sie die Lösung. Und somit haben Sie neue Flächen. Das ist es doch: Durch Neugier und Offenheit entstehen ganz neue Sichtweisen und Lösungen. Und dann entmutigen Worte wie die anfangs zitierten von Oppitz nicht mehr, sondern motivieren.

 

Sie schauen positiv nach vorne?

 

Ja, postiv auch deshalb, weil mir niemand jemals meine Liebe zur Musik nehmen kann und ich immer wieder erlebe, wieviel Schönheit sie in sich trägt und wie sehr sie berührt und bewegt.

 

 

Das Interview fand im Juli 2003 in München statt.

 

Florian Hauser ist promovierter Musikwissenschaftler. Er lebt als Musikjournalist in München und arbeitet für den Bayerischen Rundfunk, Radio Berlin-Brandenburg, Schweizer Radio DRS, die Neue Züricher Zeitung u.a.m.